"Der Besuch der alten Dame"

(Friedrich Dürrenmatt)

Wenn eine Stadt ihre Seele verkauft

Amateurtheater "spielwerk" begeistert mit 

"Der Besuch der alten Dame". 


Arnsberg (Westfälische Rundschau/Westfalenpost/Der Westen vom 19. Oktober 2015)
Was würden Sie für eine Milliarde Euro tun? Mit dieser Frage sehen sich die Bewohner des kleinen Städtchens Güllen konfrontiert. Im Theaterstück "Der Besuch der alten Dame" bekommen sie von der Multimilliardärin Claire Zachanassian ein moralisch fragwürdiges Angebot. Das Arnsberger Amateurtheater "Spielwerk" führte das Stück von Friedrich Dürrenmatt am vergangenen Wochenende in der Kulturschmiede auf - und nahm seine Zuschauer mit auf eine Reise in eine Gemeinschaft, die in ihrer Verzweiflung allmählich sich selbst verliert...
Doch es gibt Hoffnung für die Bewohner des verschlafenen Städtchens: Milliardärin Claire Zachanassian, in ihrer Heimatstadt Güllen bekannt als Kläri Wäscher, hat ihren Besuch angekündigt. Die Gerüchteküche brodelt... Alle Blicke richten sich auf Alfred Ill (Andreas Düllberg)), der "beliebteste Bürger der Stadt", wie ihm immer wieder versichert wird. Er war einst Jugendliebe der im Laufe des Stücks ganze neun Mal verheirateten (und geschiedenen) Kläri Wäscher. Er soll sein Wildkätzchen" bezirzen, um an das Geld der Superreichen heranzukommen.
Die elegante Dame, gespielt von Sylvia Düllberg, erfüllt bald darauf die Hoffnungen der Güllener: Sie verkündet, dass sie der Stadt eine Milliarde schenken möchte. Unter einer Bedingung: Alfred Ill soll sterben. Empört lehnen die Bewohner ab - "im Namen der Menschlichkeit", rufen sie...
Weder die Polizei, noch sein Freund der Bürgermeister (Christian Vernholz) sehen Ill in Gefahr. Nach und nach ändert sich die Einstellung der Güllener. Dürrenmatt zeigt mit seinem Stück, wie langsam die Masken fallen, wie nach und nach die Werte des Humanismus vergessen und durch antike Gerechtigkeitsvorstellungen ersetzt werden. Ein Tod für die Gerechtigkeit? ...



Die Tragikomödie, 1956 uraufgeführt, war für die Schauspieler des Arnsberger Ensembles "Spielwerk" eine große Herausforderung: Viel Text, fast ausschließlich Szenen in großen Gruppen - Dürrenmatts Werk ist keine einfache Kost.
In der Hauptrolle als Alfred Ill stand Andreas Düllberg auf der Bühne - zum ersten Mal: "Es war definitiv eine Herausforderung, die aber echt Spaß gemacht hat", sagte der Debütant nach der Premiere am Freitag. Alle drei Vorstellungen am vergangenen Wochenende waren ausverkauft.
Für die Regisseurinnen Susanne Gieseke und Gaby Renner war vor allem die Größe des Ensembles mit 18 Schauspielerinnen und Schauspielern besonders fordernd. Beide sind glücklich, dass die Zuschauer die Leistung des Amateurtheaters zu schätzen wissen. Das bewies der minutenlange Beifall, der am Freitag aus dem Zuschauerraum der Kulturschmiede schallte. Und zum Schluss beschäftigte so manchen Zuschauer auf dem Heimweg die Frage nach den eigenen Handlungsgrenzen, wenn Reichtum lockt, dieser aber nur durch unmoralisches Verhalten zu erlangen ist.

Krishan van der Kooi


Warum überhaupt "Der Besuch der alten Dame" im Jahr 2015 auf die Bühne bringen, hat doch Friedrich Dürrenmatt das Stück bereits in den 1950er Jahren verfasst? Ganz einfach: Weil die groteske Entlarvung von Scheinmoral, Käuflichkeit und Eigennutz noch immer in die Zeit passt, vielmehr in einer sich rasant verändernden Gesellschaft aktueller denn je ist. Mit satirisch-parodistischen Mitteln und überraschenden Handlungsänderungen reißt Dürrenmatt in einem dumpf-spießigen Milieu Masken herunter und lässt so - wenn man will - erkennen, welche Motive unter dem Mäntelchen des Allgemeinwohls tatsächlich verborgen sind. Und wie leicht der Mensch zu manipulieren ist. Auch heute noch.

Susanne Gieseke


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